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Lorenz von Westenrieder:
... über München ...


Auszüge aus:  


An den Leser.
 
Beschreibungen von Städten sind denselben in mancherley Rücksicht äußerst wichtig, so, daß in jedem wohlgeordneten Staat ein Gesätz gemacht werden sollte, dieselben wenigstens zu Ende jedes Jahrhunderts zu erneuern. Man würde hieraus, ohne allem Vorurtheil, ersehen, was man verbessert, oder vernachlässigt, und ob man, in Verhältniß mit andern Städten, zugenommen, oder verloren habe. Zu gleicher Zeit diente ein solches Buch zum Haus= und Geschichtsbuch des Volks, zur Kunst= und Handwerks= und Gelehrtengeschichte, in welchem jeder nach seinem Bedürfniß finden würde, was ihn erheben kann, - Unterricht und Vergnügen finden würde. Es wäre ein Buch des vaterländischen Ruhms für grosse und gute Bürger, und eine unumstößliche Urkunde unsrer Denkungsart, und unsers Geschmacks; ein Heilungsmittel des Vorurtheils, und eine reiche Quelle des Wetteifers, wodurch von Zeit zu Zeit die fähigsten Männer angefeuert würden, sich durch etwas Ruhmwürdiges ein Recht in diesem Denkmal des Andenkens zu verschaffen.
 
     Was mich zu dieser Beschreibung vorzüglich ermuntert hat, ist die Hoffnung, durch dieselbe meinen Landleuten ein rühmliches Verlangen nach fernern, ältern, und umständlichen Nachrichten der Dinge, welche uns so nahe, wie diese, betreffen, einzuflössen; und ich habe daher, um das Buch durch seinen Preis nicht zu kostbar zu machen, mit Absicht mich hauptsächlich nur auf den gegenwärtigen Zustand unsrer Haupt= und Vaterstadt eingeschränkt, und erwarte nun, daß mich der Antheil, welchen man daran nehmen wird, ermuntern soll, die Geschichte der Vergangenheit, welche ich hier nur gelegentlich berühret habe, eine Geschichte, worinn der Ursprung, und Fortgang aller für uns wichtigen Dinge angezeigt werden soll, in einem besondern Bande zu liefern.
 
     Ich habe in dieser Beschreibung vieles über unsre häuslichen Einrichtungen und Gewohnheiten, und vieles über das Uebliche in Dingen gesagt, welche vielleicht manchem beym ersten Anblick keiner Betrachtung würdig zu seyn scheinen möchten, und es doch vorzüglich sind. Wenn man einmal von einem Staat getreue Nachrichten dieser Art hat, so läßt sich schon ziemlich zuversichtlich auf die Beschaffenheit der Verfassung und innern Einrichtung schliessen. Diese Dinge gleichen den karakteristischen Zügen, welche durch die innern Seelenbewegungen auf dem Angesicht hervor kommen, und den leidentschaftlichen und geistigen Zustand der Seele verkündigen. Man sieht daraus, welche Bestandtheile aus alten, bessern, oder schlimmern Zeiten noch übrig, und wie viel von dem Salz vorhanden sey, welches ein lebhaftes und richtiges Nachdenken erzeugt, und wechselweise von diesem geweckt wird. Auch liegen hierinn nicht selten die Quellen grosser Tugenden, oder verwüstender Unordnungen.
 
     Wie ein Bauverständiger, sobald er die Anordnung, und Vertheilung der Behältnisse sieht, weis, zu welcher Absicht das Gebäude bestimmt, ob es wohl gar zu keiner bestimmt, oder ob es derselben vollkommen angemessen; ob etwas am unrechten Ort gestellt, und ohne Kenntniß und Geschmack angebracht sey: so sieht ein verständiger Bürger, so bald er den Zustand der vorhandnen Verfassung erblickt, die Tugenden, oder die Gebrechen und Mängel der Stadt; er merkt es genau, ohne daß man ihn erinnert, ob zwischen denen, welche Brod schaffen, und denen, welche es aufzehren, zwischen denen, die tragen und ziehen, und denen, die gezogen und getragen werden, ein vernünftiges Verhältniß, ob in dieser bürgerlichen Verfassung irgend etwas, das der Schnellkraft bey einem Uhrwerk gleicht, eingeführt, ob etwas Originelles im Thun vorhanden, oder ob alles dem kommenden Tag, und dem Glück und Zufall überlassen sey. Ich habe bey manchen Gelegenheiten solche Data ausgestellt, welche dem Nachdenker auffallen, und ihm, wenn er ein Mann von Bedeutung ist, (und dieß ist Jedermann) Gelegenheit zur Erinnerung und Mittheilung geben werden.
 
     Ich habe vieles von Leibesübungen, Spielen, und Feyerlichkeiten gesagt. Diese Dinge waren noch jedem Staat wichtig; sie waren von weisen Regierungen, oder grossen Köpfen aus kluger Absicht erfunden; und nun sich ihr Endzweck mit den Geschichten aller Zeiten in die Vergangenheit dreht; - als wir die lästigen Halskrausen weglegten, bedienten wir uns sorgfältig andrer Arten von Kleidern: was setzen wir in die Stelle von jenen? u. s. w.
 
     Das Verzeichniß der Künstler, so wie der vorzüglichen Kunststücke in den Kirchen, und kurfürstl. Wohnungen, welches meines Wissens das erste dieser Art ist, habe ich so vollständig zu machen, und die Namen der Meister so richtig anzugeben gesucht, als es jemand, der sich beynahe alle erdenkliche Mühe giebt, die Wahrheit zu erforschen, nur möglich ist. Bekanntlich haben wir nie ein ordentliches öffentliches Hand= oder Jahrbuch, wo sich wenigst die Namen der bessern Künstler ununterbrochen fänden, gehalten; und da die Namen der Meister, welche uns kostbare Denkmäler hinterlassen haben, gewöhnlich weder bey ihren Werken, noch in Urkundsbüchern gefunden werden: so habe ich, ungeachtet der Sorgfalt, mit der ich Kenner zu Rathe gezogen habe, in den Namen einzelner Meister, wie dann bey einigen Altarblättern verschiedne angegeben werden, mich irren können, und ich bitte daher denjenigen, der etwas Bestimmtes aus ungezweifelten Urkunden mir mittheilen kann, um seine Erinnerung. Manchmal liegt in Schriften, wo man nichts weniger, als Dinge über Kunst und Litteratur suchen sollte, eine Nachricht, die hundert Zweifel auflöst, über welche es vergebens ist, etwas Erläuterndes zu sagen. Es ist, wenn wir die Ehre der Künstler befördern, vorzüglich um die Ehre unsers Vaterlandes zu thun; denn diese sind die Männer, und diese Werke sind die Denkmäler, in denen wir leben; alles übrige (wir sehens) vergeht, und wird, gleich einer Fabel, beynahe vergessen. Manche Staatsverfassung hat noch nie die Vollkommenheit einer mittelmäßigen Zeichnung erreicht, und das Pochen der Gewaltigen, und, Gott lob, auch das Weinen der Unglücklichen liegt mit den Zeiten begraben. Jenes war selten, was die Kunst immer ist, - ein Menschenwerk, ein Werk, worinn das ganze Geschlecht der Menschen Eine Sprache, und Eine Gesinnung hat.
 
     Und hiemit empfehle ich meinen Lesern diese Beschreibung unsrer Haushaltung, mit dem sehnlichsten Wunsche, daß sie uns veranlassen möchte, uns des Guten zu freuen, und mit vereinigten Herzen dasselbe zu befördern.
 

 
Erster Abschnitt.
. 1. Vom Ursprung der Stadt
 

München liegt in der Breite von 48, 10', in der Länge 29, 11'.
 
     Die Untersuchung, was auf dem Platz, wo itzt München steht, vor Erbauung derselben vorhanden war, gehört unter diejenigen, deren Entscheidung, und Aufklärung, wenn sie auch ganz möglich wäre, uns nicht besser, noch glücklicher machen würde. Dieß ist längst hinab in die Vergangenheit gerückt, und hat auf uns Gegenwärtige nicht die geringste Beziehung. - Das Kloster Schöftlarn, von welchem man immer sagt, daß es da, wo itzt München steht, einen Meyrhof besessen haben soll, besaß hier nichts; wohl aber gehörte nach Schöftlarn schon damals der sogenannte Conradshof, dessen Gründe, und Felder, welche gleich auf der Anhöhe um die Dachauerstrasse zum Theil noch innerhalb dem Burgfried anfangen, das Kloster noch bis diese Stunde besitzet. Wahrscheinlichts war die ganze Gegend vom Gasteigberg, bis zum Neuhauserberg, eine Wildnis, dem wechselnden, und ungewissen Rinsaal des damals noch ganz uneingeschrenkten Isarstroms überlassen, (wie man dann von dem Lauf desselben noch überall Spuren sieht) und wenn die Stadt ihren Namen, und Wappen von Mönchen hergeleitet hat: so geschah es weit vermuthlicher darum, weil dieser Ort eine Zufluchtsstatt für die unglücklichen Mönchen gewesen, welche um diese Zeit von den Hungarn grausam mishandelt worden. - Schon stunden aber damals Sendling und Mosach, Schwabing, Neuching und ganz gewiß ein paar einsiedlerische ärmliche Kapellen auf der wilden Stromebne, wo dermal München steht.
 
(...)
 
. III.
Von der allgemeinen Eintheilung,
und Ordnung der Stadt.

     Der Umkreis der ganzen Stadt beträgt 5800 gemeine Schritt. Gegenwärtig zählt dieselbe vier Hauptthore, als nämlich (westwärts) das Neuhauserthor, (nordwärts) das Schwabingerthor. (ostwärts) das Isarthor, und (südwärts) das Sendlingerthor (...).
 
     Um die innere Stadtmauern geht, rings um die Stadt, ein bedeckter Gang, welcher von der wilhelminischen bis zur Hauptresidenz der Hofgang genannt wird.
 
     Zwischen der ersten, und zwoten Stadtmauer befinden sich die sogenannten Zwinger, welche den Herren Bürgermeistern angewiesen, und worinn von diesen schöne Gärten angelegt sind. Am Fronleichnamstag stehen dieselben jedermann offen.
 
     Nach der zwoten Mauer kommt ein ziemlich breiter, und tiefer Stadtgraben, welcher das ganz Jahr mit fliessendem Wasser gefüllt ist; dann folgt in der Höhe die innere Straße, und außer dieser der Wall, um welchen wieder ein Kanal gezogen ist.
 
     Von allen Thoren sind gegenwärtig, wie wir im Verfolg hören werden, Alleen gezogen, und die Stadt selbst liegt (den östlichen Theil, wo sie den Gasteigberg hat, ausgenommen) in einer schönen Ebne, mit Feldern und Aeckern umgeben, hat gegen Süden die hohen, und schönen Gebirge, gegen Osten den Isarfluß, der vermög einem Meisterstück des Wasserbaus, die Stadt in vielen Kanälen, deren Wasser man, wie man will, erhöhen kann, durchschneidet, und genüßt eine scharfe, kühle, und der Gesundheit überaus gedeyhliche Luft.
 
     Die Stadt wird durch zwo Hauptgassen, vom Neuhauser - bis Isarthore, vom Sendlinger - bis zum Schwabingerthor durchschnitten. Diese Gassen laufen nach dem Hauptplatz zusamm, und theilen also die Stadt in vier große Quartier, oder sogenannte Viertel.
1) Vom Sendlingerthor bis zum Neuhauserthor das Hackenviertel.
2) Vom Neuhauserthor bis zum Schwabingerthor das Kreuzviertel.
3) Vom Isarthor bis zum Schwabingerthor das Grafenauerviertel.
4) Vom Isarthor bis zum Sendlingerthor das Angerviertel.
 
     In diesen Vierteln sind alle Häuser numerirt, und derselben sind sämtlich 1700 Häuser, worunter 79 churfürstliche Gebäude; 8 landwirtschaftliche; 57 zum Stadthaus gehörige, und überhaupt 182 ständische und 112 geistliche.
 
     So wie die ganze Stadt vom Isarthor bis zum Neuhauserthor durch eine Hauptgasse durchschnitten wird: so wird selbe dadurch in zwo Hauptpfarren getheilt. Was man, wenn jemand zum Isarthor hereinkömmt rechter Hand sieht, gehört zur Frauenpfarr; der Theil aber linker Hand zu St. Peterspfarr.
 
(...)
 

Zweyter Theil
vom Kirchenwesen

Erster Abschnit.
. I.
Von der Anzahl der geistlichen Gebäude und Personen

In München befinden sich gegenwärtig
1 Stift.
4 Pfarren.
16 Klöster.
21 Filialen und andere.
44 Consecrirte Kapellen.
Hundert und zwölf Geistliche Häuser überhaupt. Dahin gehören
A) 1 Probst.
2 Dechant.
4 Pfarrer.
9 Canonici.
24 Cooperators, Kaplän, Ceremoniarii, und Chorvicarii.
99 Beneficaten, und prebentirte Geistliche.
7 Religiosen exposoto. 8 Geistliche Schullehrer. 24 Comentisten und Titulanten. 184 Votivisten, welche keine angewiesene Wohnung, noch bestimmte Verrichtung haben. Im Priesterhaus bey St. Joannis befinden sich gegenwärtig 6 bis 8 Geistliche.
Dreyhundert, ein und sechzig Personen.
(sämtl.)
B) 8 Mannsklöster; worinn
a) 9 Obrigkeiten.
b) 184 Conventualen.
c) 85 Layenbrüder.
d) 6 Novizen.
 
C) 11 Frauenklöster; worinn
a) 10 Obrigkeiten.
b) 275 Conventualinnen.
c) 88 Layenschwestern.
d) 20 Novizinnen.
 
     Es befinden also sich in München. Fünfhundert, vier und fünfzig Priester, dreihundert, drey und neunzig Religiosinnen.
 
     In den Frauenklöstern befinden sich 75 Kostgeherinnen; und zu deren Zahl geistlicher Personen kommen noch 4 Klausner.
 
(...)
 
[weitere Statistik:]
 
     Gemäß vielfältiger Beobachtungen stirbt, wenn keine außerordentlichen Zeitläufte einfallen, von 24 jährliche Einer. Wenn man also 1613, welches die Zahl der im Jahr 1781 Verstorbenen ist mit 24 multiplicirt, so giebt dieß die Zahl von 38712 Seelen.
 
     Wenn man ferner annimmt, daß sich in jeder der 8829 Herdstätte 4 Seelen befinden: so macht dieß 35316, und wollte man die Zahl 5 annehmen, 44145 Seelen.
 
     Indeß ist München im Verhältnis mit anderen Städten eines gleichen Umfangs, und in Betracht der weitläuftigen Kirchen= und Klostergebäude, welche wenigst den fünften Theil der Stadt einnehmen, sehr stark bevölkert.
 
     Es ist darinn nach der Zahl von 37840 Seelen beyläuftig der dreyzehnte Mann ein ordentlicher Bürger oder Beysitzer; jede vierzigste Person (falls man nämlich die Zahl von 500 annimmt, wie ich, um das Zuverlässige anzugeben, dieß oben angenommen habe) eine Geistliche; jede fünfzigste Person ein männlicher Bedienter, und jede ein und dreyßigste ein Bettler.
 


Dritter Theil
von der allgemeinen Verfassung

Dieser Theil, den selten, oder höchstens nur im Vorübergehen, jemand berührt hat, wird dem entfernteren Ausland, und einst der Nachwelt der wichtigste seyn. Was man denen empfiehlt, welche darauf ausgehen, Menschen zu studiren, daß sie selbe nicht aus offentlichen Handlungen, sondern zu Hause, und in kleinen, dem Schein nach, ganz gleichgültigen Dingen beobachten sollen: das habe ich in folgenden Nachrichten darzustellen gesucht, und daher nicht allein die großen Theile, sondern auch die kleinsten, unerheblichsten Züge gesammelt, in deren Zusammensetzung unser Charakter besteht. Und wie sich aus dem, was jeman ausser seinem Amt thut, so ziemlich bestimmen läßt, wie er in seinem Amt sich verhalten werde: so läßt sich aus den Vorstellungen, welche ein Volk liebt, aus den Vergnügungen, welchen es nachhängt, aus Gebräuchen, denen es vorzüglich ergeben ist, seine Verfassung errathen. Hier liegt unsre Anlage, und die bürgerliche Klugheit, mit der wie dieselbe benutzen. Hier liegt der Grudn unsrer Gebrechen, und Tugenden, und der gute Rath, jenen abzuhelfen, um diese zu ermuntern; die Kunst, sich unsrer Fähigkeiten auf die beste Art zu bedienen, und die Wissenschaft, die wichtigste und erste, und letzte, derer ein Staatsmann, und Gesätzgeber bedürftig ist, wie man uns behandeln, und anreden, und welcher Vorstellungen und Maaßregeln man sich vorzüglich bedienen soll, um uns mit den mindesten Unkosten zur Anstrengung unsrer Talente zu bewegen, und den kürzesten Weg zur Glückseligkeit zu führen, - wenn anders denen, die nie ein Unglück gefühlt und erfahren haben, daran liegt, daß wir dahin kommen.
 
(...)
 
     Was das Allgemeine des Unterrichts und der Erziehung betrift: so wird der Adel fast durchgehends von Privatlehrern zu Haus unterrichtet, der dünngesäete Bürgerssohn in öffentlichen Schulen größten Theils für den geistlichen Stand, und die übrigen Classen studiren nach dem Grad ihres Gutdünkens, oder einer zufälligen Anweisung. Eine Universal= oder eigentliche Nationalerziehung, wo man die sämmtliche, die vornehme, und nicht geadelte Jugend nach bestimmten Grundsätzen bildet, und den Classen derselben nach verschiednen Graden ihrer künftigen Aemter, und Geschäfte eine zweckmäßige Erziehung ertheilt, ist nicht vorhanden. Es giebt welche, bey denen französisch, und italienisch reden können, ein bischen Geographie verstehen, und etwas von den dilletanten Wissenschaften, über Tanz, Komedie, und Malerey sprechen zu können, der höchste Grad von Wissenschaften ist. Es giebt welche, die ohne die deutsche, ihre Muttersprache, im geringsten regelmäßig sprechen, noch weniger schreiben zu können, immer französische sprechen. Es giebt aber auch welche, die wohl verstehen, daß man Kinder nicht für das, was man izt große Welt nennt, noch für den Umgang derselben, noch weniger für die gefälligste Art, sich die Zeit zu vertreiben, sondern für Geschäfte unterrichten und erziehen müsse, und die mit deutschem Stolz und Eigensinn auf einer bessern Erziehung verharren, an der man dieß einzige bedauern muß, daß sie nicht allegemein ist.
 
Dritter Abschnitt.
Von öffentlichen, und gemeinschaftlichen Anstalten.

Jeder Einwohner ist bey Strafe gehalten, jeden Fremden, den er beherbergt, bey dem aufgestellten Schreiber seines Viertels zu melden, welcher sodann seinen Bericht wieder weiter zu erstatten hat. Dieß geschieht um so mehr in allen öffentlichen Gasthäusern.
 
     Für die öffentliche Sicherheit ist auf das vollkommenste gesorgt, und man hat kaum ein Beyspiel, daß auf den Strassen jemand verletzt worden. Die Patrollen schaffen (nach unserm Ausdruck) in den Bauhäußern zweymal ab, und wen selbe nach zehn Uhr daselbst noch findet, wird nach der Hauptwache geführt, und da bis an den andern Morgen behalten, wo er sodann eine Geldstrafe entrichten muß. Wer eine Freynacht, oder die Freyheit, Gäste die ganze Nacht zu bewirthen, verlangt, muß nun selbe bey dem Platzhauptmann um Erlaubniß ansuchen.
 
     So rufen auch, (gewöhnlich von zehn Uhr angefangen) alle Wachen jeden Wandrer an; und wer sich auf einer Rauferey, oder anderm Muthwillen betretten läßt, wird sofort nach der Hauptwache geführt.
 
     Die Laternen werden (einige Zeit in Sommer ausgenommen) so bald es dunkel wird, angezündet. Es seynd ihrer über 600, und sie beleuchten die Gassen treflich.
 
     Von zehn Uhr angefangen, schreyen die bürgerlichen Nachtwächter (mit einem Degen und Spiese bewafnet) die Stund aus; in stürmischen Nächten rufen sie auch, man möchte sich vor Feuer bewahren.
 
(...)     Zu den öffentlichen Anstalten gehört auch das hiesige Leihaus oder Versatzamt, wo man jedermann gegen ein hinlängliches Pfand, und einen bestimmten Zins auf eine gewisse Zeit Geld vorstreckt.
 
(...)     Die Strassen werden jeden Mitwoch und Samstag gereinigt, und alle Jahre werden die Bäche um, und in der Stadt ausgekehrt, nämlich, vom Unrath gesäubert.
 
(...)     Zur Wegschaffung der Bettler, und zur Aufhebung des müßigen, und verdächtigen Gesindels sind die Romorknechte von der Policey bestellt, welche in= und ausser der Stadt, unabläßlich herumgehen, und die ihnen zugehörigen Personen gemeiniglich nach dem Zuchthaus bringen.
 
(...)     Hierher gehört die jüngst durch ein gedrucktes Schreiben bekannt gemachte höchste Anbefehlung Sr. churfürstl. Durchlaucht, Karl Theodor, vermög welcher das churfürstl. Kollegium medicum die in hiesiger Haupt= und Residenzstadt München sich befindenden approbirten Aerzte, Mundärzte, und Barbirer in die 4 Viertel dergestalt eingetheilt, daß selbe den wahrhaft armen, und bedürftigen Kranken, um sich nicht mehr den so höchst schädlichen Pfuschern anvertrauen zu dürfen, ohnentgeltlich, wie es Pflicht und Menschenliebe erfordert, beyspringen sollen.
 
(...)     Zur Besichtigung, und Prüfung des braunen Biers, ob es sowohl an Güte dem Taxe angemessen, als der Gesundheit nicht nachtheilig sey, gehen von den Rathsgliedern des bürgerlichen Stadtraths zween Komissarien so oft zur Beschau, als der Bräu einen neuen Sud gemacht; und im Falle eines beträchtlichen Fehlers wird das Bier entweder sehr herunter gesetzt, oder auf die Strasse geführt, und losgelassen.
 
(...)     Die Thore werden im Winter um neun Uhr, im Sommer um 10 Uhr so geschlossen, daß, wer noch später ankommt, nur bey dem sogenannten Einlaß in die Stadt kommen kann, wo dann für jeder Person 6 kr., und für jedes Thier, Pferd, oder Hund, eben so viel erlegt werden muß.
 
(...)
 
Fünfter Abschnitt.
Gefängnisse, Strafen, Belohnungen.

Diese können sowohl allgemein genommen, als auch für sich insbesonders, in soweit sie vom Hof, oder dem Land, von dem Militär, oder der Stadt abhängen, betrachtet werden.
 
     Standspersonen, so lange sie sich des gerichtlichen Verdachts einer höheren Ahndung, und Untersuchung, schuldig zu seyn, noch nicht entledigt haben, werden entweder in ihren eignen Häusern, oder auf der Hauptwache, oder sonst in einem anständigen Behältniß bewachet.
 
     Gewöhnlicher aber ist seit einiger Zeit, zumal für Personen von etwas minderm Rang, der sogenannte neue Thurm bey dem Kostthörl, bestimmt, von welchem nachgehends die Arrestanten, mit dem Zeugnis ihrer Unschuld, wieder frey entlassen, oder im Falle einen härtern und gesetzmäßigen Verdachts, nach den Falkenthurm, oder andern Behältnissen gebracht werden. Ueber diese ist ein Lieutenant angestellt, welcher geringere Gerichtsdiener unter sich hat.
 
     Für Bürger ist das sogenannte Schergenstübl bestimmt. In diesem sowohl, als im erwähnten neuen Thurm, wohin auch das sogenannte Schottenstübl gehört, werden die Arrestanten mit aller geziemenden Anständigkeit behandelt.
 
     Personen des niedern Standes werden nach dem Zuchthaus geliefert, und von da wieder entlassen, oder weiter gesetzt.
 
     Für das Militär sind die Hauptwachstuben, und der Taschenthurm.
 
     In diesem sowohl, als in dem Falkenthurm sind die Arrestanten gewöhnlich mit Einer, oft mit mehrern Ketten geschlossen. In den engen und ungesunden Keuchen sitzen auch mehrere Arrestanten beysamm, und zwar gänzlich ohne alle Arbeit. Noch weniger darf hier jemand Besuch annehmen.
 
     In dem Zucht= oder Arbeitshaus sind die Arrestanten in geräumigen, für beyde Geschlechter abgesonderten Zimmern beysammen, wo sie zur Arbeit angehalten werden. Hier sitzen auch die ewig Gefangenen.
 
     Eine solche Anstalt, wo jemand, der sich keines Verdachts, oder Vergehens schuldig gemacht hat, frey, und ohne Gefahr eines Vorwurfs hingeben, und zu seinem Unterhalt zu allen Zeiten eine Arbeit fodern könnte, ist noch nicht vorhanden.
 
     Die leichtern und anständigern Strafen bestehen in schriftlichen Verweisen, in Geldstrafen, im Arrest, wozu, ausser den erwähnten bessern Behältnissen, zuweilen der Thurm im Grünenwald gebraucht wird.
 
     Bey leichtern Vergehungen werden diejenigen, welche sich darauf betretten lassen, nach der Hauptwache geführt, wo sie eine bestimmte Geldstrafe erlegen müßen. Betrifft es etwas härteres: so werden gemeinere Leute, die unter keine Zunft gehören, im Zuchthaus mit Arrest, wozu gewöhnlich Schläge kommen, belegt.
 
     Einigen Zünften waren ehe eigne Strafen, im Fall, daß sie sich in Dingen, welche ihr Gewerbe betreffen, vergiengen, bestimmt. Als ein Denkmal derselben ist bey der sogenannten Roßschwemm noch die Beckerschlenge vorhanden. Man setzt nämlich denjenigen, der sich zünftig vergangen hat, in einen Korb, welcher an einem Balken festgemacht ist, und schleudert ihn in den Bach, aus welchem er aber sogleich wieder herausgezogen wird.
 
     Alle Strafgerichte, und vor allem die peinlichen, werden bey verschlossnen Zimmern gehalten. Wird jemand peinlich eingezogen, und ist er eines Verbrechens in dem von den Gesätzen bestimmten Grad verdächtig: so schreitet man mit ihm zur Tortur, deren es verschiedene Arten und Stufen giebt, von denen einige, z.B. die ehmalige Folter, außer Uebung kommen zu wollen scheint. Die gewöhnlichste Art besteht izt in Ausspannung der Glieder, und in Streichen mit Gärten, welches zu drey verschiedene Malen wiederholt wird. Nachdem man den gesätzmäßig Verdächtigen auf alle mögliche Weise zu bereden sucht, daß er bekennen soll, und jener darauf verharret, daß er schon wirklich die Wahrheit gesagt habe: so führt man ihn in die Torturkammer, deren Wände ganz schwarz, und um und um mit Lichtern behängt sind. Wo der Angeklagte sein Auge hinwendet, erblickt er peinliche Werkzeuge. Man kleidet ihn aus, legt ihm das Torturhemd, das auf dem Rücken geöffnet ist, an, wirft ihn auf eine Bank, und bindet ihm mit eignen Stricklein die Händ und Füsse so schmerzlich an den Füßen der Bank an, daß schon dieser Anfang für eine Art von schwerer Tortur gehalten wird. Wenn nun der ganze Körper auf alle mögliche Art gespannt ist: so versetzt man ihm mit einer dicken Gerte, oder Ruthe die zuerkannten Streiche, deren jeder das Fleisch bis auf die Gebeine entzwey schneidet. Gemeiniglich besteht die erste Tortur in dreißig solcher Streiche. Dieß wird den zweyten Tag, oder doch bald darauf wiederholet, und die Streiche werden nicht selten verdoppelt.Die Nacht, ehe die dritte Tortur vorgenommen wird, legt man dem Verdächtigen einen schweren, höchst beschwerlichen eisernen Ring um die Mitte der Körpers, wodurch derselbe auf eine peinliche Art zusammengepreßt wird. Dazu kommen zuweilen eisene Handschuhe, deren Last sehr ermüdend ist. So vorbereitet führt man jenen das drittemal in die Torturkammer. Nachdem er wieder hergerichtet ist, ergreift ihn der Nachrichter um die Mitte, und setzt, oder wirft ihn auf ein Bret, oder Stuhl, aus welchem eisene Spitze herausgehen, und ihm in das Fleisch dringen. - Wenn er nun wieder zu denken vermag, so setzt man ihn auf eine Bank, auf welcher er, gebunden, das erste= und zweytemal die gesetzte Anzahl von Streichen erhielt; dann befestigt man an jedem Daume, und jeder grossen Zehe kreuzweis eine Schnur, und durch die Hölung der Arme, welche auf dem Rücken zurückgezogen sind, stecket man eine Walze voll von eisenen Spitzen. Die geringste Bewegung verursacht in diesem Zustand unsägliche Schmerzen. Von Zeit zu Zeit zieht oder schnellt der Nachrichter die Schnur, welches den ganzen Körper erschüttert. In dieser Stellung versezt man ihm nun die letzten, gewöhnlich sechszig bis siebenzig Streiche. Bey jeder Tortur ist ein Medikus zugegen, welchem aufgetragen ist, den Richtern anzuzeigen, ob ein Körper im Stand sey, ohne tödtliche Gefahr die Tortur auf einen gewissen Grad auszuhalten. Vielen kostet dieselbe, wie leicht zu erachten, dem ungeachtet das Leben.
 
     Unter die Strafen, die zugleich auch entehrend sind, gehört das Zuchthaus, der Pranger, das Schragenstehen mit Schlägen, das Brennen eines Buchstabes auf den Rücken, das Aushauen mit Ruthen, das Abschwören der Urphed, u.s.w. Hierher gehören auch einige mindere Strafen, als z.B. das öffentliche Gassenkehren etc.
 
     Die Todesarten sind das Köpfen mit dem Schwert auf einem Stuhl; das Henken; das Radbrechen; das Verbrennen; die Verurteilten werden zuweilen in Thierhäute genäht hinausgeschleift, oder mit glühenden Zangen gezwickt, u.s.w.
 
     Die Feyerlichkeit ist folgende. Wenn nun einem Schuldigerklärten der Tod (aber nicht die Art) angekündigt worden, so werden ihm drey Tage zur Vorbereitung zugelassen, welche ganze Zeit er in einem sehr ehrbaren Zimmer verbleibet. Er kann auch Besuche annehmen; und wenn es kein Dieb ist, der den Schaden noch nicht ersetzt hat: so kann er sogar testiren. Am Tag des Urtheils wir früh Morgens eine eigens zu diesem Ende bestimmte Glocke zum Gebeth gezogen, und ein Gegitter des Rathhauses wird mit einem rothen Tuch überhängt. Ehe man den Verurtheilten aus dem Thurm führt, wird er noch einmal von den Kommissarien besucht. Sohin bindet man die Hände auf dem Herzen mit einem Stricklein zusamm, mit welchem ihn auf dem Rücken ein Eisendiener, der nachtriet, festhält. Wenn er auf das Rathaus kömmt, so übernimmt ihn die Stadt. (welches in dem Falle, daß der Verurtheilte aus dem Kerker der Stadt kömmt, nicht nothwendig ist.) Hier wird er auf der Stiege dem Anblick des versammelten Volks dargestellt. Der Scharfrichter tritt hinzu, bindet ihn auf das neue, und bittet ihn wegen Verrichtung seines Amts um Verzeihung. Während dem liest man von einem Gitter des Rathhauses das Verbrechen, und Urtheil (welches auch gedruckter verkauft wird) öffentlich herab, nach welchem ein kleiner Stab entzwey gebrochen wird. Sodann führt man ihn auf das neue fort, und vier Männer von der bürgerlichen Schaarwache, mit eisenen Brustharnisch, und dergleichen Peckelhauben, und einige Schergen mit kurzen rothen, und blauen Mäntelchen, die selben bis an die Mitte gehen, begleiten ihn. Wenn der Richtstatt allgemach sich nähert, und ihm der Kopf abgehauen wird: so schreyet ein Scherge von derselben zu dem versammelten Volke dreymal: Stillo! verbietet auch bey Leib= und Lebenskraft Hand anzulegen, falls dem Scharfrichter sein Amt mislingen sollte. Das Gericht nähert sich zu Pferd, und das Urtheil wird vollstreckt. Diesem folgt eine kurze Leichenpredigt.
 
     Die, welche durch das Schwert sterben, werden sogleich in die Truche gelegt, und von der Armenbruderschaft ehrlich zu Grabe getragen. So werden auch die Gehenkten am Abend herabgenommen, und begraben.
 
     Belohnung!!
 
Sechster Abschnitt.
a) Leibensübungen, b) Feyerlichkeiten, c) Spiele, d) Vergnügungen.

Hier ist der Ort, wo ich viele Dinge berühren werde, welche manchen Leser beym ersten Anblick sehr unbeträchtlich scheinen möchten, und es doch nicht sind. Ich habe in der Vorrede dieser und ähnlicher Gegenstände schon erwähnet, und uns von der Wichtigkeit derselben auf eine Art zu überzeugen gesucht, welche uns Ehrfurcht für einzelne hinfällige Denkmäler alten Weisheit, als in welchen viel liegt, wenn man suchen kann einflössen soll. Alle weisen Völker bedienten sich sinnlicher, ausdrückender Bilder und Feyerlichkeiten, um ihre heiligsten und wichtigsten Wahrheiten in alle Herzen zu graben, und es ist ein Beweis von einer tiefen Versunkenheit des Verstands und des Gefühls, selbe gänzlich aufzuheben.
 
     Unsre herrlichste, und die herrlichste Feyerlichkeit, die mein Geist sich vorstellen kann, ein Tag im Jahr, wo jedes Kind, und jeder Greis jubilirte, und jeder Vogel freudiger über die Stadt flog, war der Frohnleichnahmstag vor uralten Zeiten her berühmt, und durch den Druck bekannt gemacht worden ist. Einer zufälliger Mißbräuche wegen wurde das Ganze seit kurzem sehr eingeschrenkt.
 
     (...) Vorzüglich aber verdient hier unter den Uebungen, welche bey der anständigsten Unterhaltung auch die Beförderung einer bürgerlichen Geschicklichkeit zum Zweck haben, angemerkt zu werdern, die löbliche Schützenzunft, oder Gesellschaft, welche ordentliche Satzungen und Regeln zum Grund hat, und verschiedne Freyheiten genüßt. Sie hat eine eigene schöne Schießstadt, wo sich zu allen Zeiten jedermann üben kann, und die Mitglieder sich gewöhnlich jährlich Einmal mit vieler Feyerlichkeit versammeln. Die Schützen, wie auch die Gäste, ziehen am Jakobitag von dem Rathhaus unter klingendem Spiel aus der Stadt, wobey die Fähnlein, und die Scheiben mitgetragen werden. Bey ihrer Ankunft in der Schießstadt werden Stücke gelößt, welches bey andern Gelegenheiten, und am Ende wiederholt wird. Es versammeln sich jederzeit aus dem Inland, und den benachbarten Ländern die ansehnlichsten Gäste, und selbst der gnädigste Landesfürst beehret sie mit seiner Gegenwart. Ich habe nicht unlängste eine ganze Sammlung kleiner silberner Täfelchen, welche zu den Alterthümern der Stadt gehören, gesehen, worauf die Wappen und die Namen derjenigen zu sehen sind, die dieser Feyerlichkeit beygewohnet, und dieß Denkmaal zu seinem Andenken hinterlassen haben.
 
      (...) In den Dultzeiten singt man auf öffentlichen Plätzen Volkslieder ab, von welcher Einführung sich der beste Gebrauch machen ließ.
 
     Einzeln werden auch noch Lieder vor den Häusern gesungen, welche ehemals, wie die Nachtmusiken, die noch in voller Gewohnheit sind, üblich waren.
 
     (...) Was die eigentlichen Glücksspiele, deren einige auch zur Leibesbewegung und Uebung, andere zur Schärfung des Witzes und der Aufmerksamkeit etwas beytragen, betrift, so sind gegenwärtig, ausser den Schießstätten, das Billard, das deutsche und französische Kartenspiel, dessen es verschiedene Arten giebt, als, das Bret, wo das Damenziehen, der lange Puff, und Schach, und die Mühl gespielt wird. Unter der gemeinern Klasse ist, neben den deutschen Karten, üblich, und allgemein das Kegelschieben, wo es wieder verschiedne Arten giebt, als das Schmarakeln, Budeln, und Langausschieben; - kleine Kegelspiele in Zimmern; - das Eisschiessen; kleinere Spiele - als das Gänsespiel - das Pfandspiel; - das Hang den Mann; - Gewette, Glückshafen, Lotterien.
 
     (...) Zuweilen spielen auch Privatpersonen in ihren Häusern.
 
Siebenter Abschnitt.
Von dem Ueblichen bey der Geburt, Hochzeit, und Sterben.

Die alte Gewohnheit, der Frau, so oft sie ein Kind zur Welt bring, ein besonders Geschenk zu machen, ist noch hie und da üblich. Nach der Kindstaufe sitzen diejenigen, welche dazu gebeten worden, zu einer kurzen Mahlzeit (gewöhnlich ohne Fleischspeisen), auf welcher, besonders in Bürgers= und auch noch höhern Häusern, sogenannte Schneeballen, Käse, Konfekt, Früchten und Wein aufgesetzt, und nachmals von jedem diese Dinge den Gästen etwas in das Haus getragen wird. Bey den Bürgern macht nach etlichen Tagen die Gevatterinn der Kindsbetterinn ein Geschenk mit Eyern und Butter. (...)
 
     Bey Leichen sind folgende Gebräuche.
 
     Man ruft die Seelnonne, welche es auf sich nimmt, alle gehörigen Anstalten zum Leichenbegängniß zu machen.
 
     (...) Man pflegt die Leichen der Erwachsenen gewöhnlich erst nach 48 Stunden zu begraben; dieß geschieht noch später bey den Vornehmen, welche geöffnet, einbalsamirt, feyerlich angezogen, und auf ein Paradebett gelegt werden. Auf den öffentlichen Kirchhöfen ist auch die Tiefe der Gräber bestimmt.
 
     Wo man eine Leiche bey einer Kirche vorüberträgt, wird geläutet. Kinderleichen begleitet kein Mann, und kein Frauenzimmer die Leichen der Erwachsnen. Bey der Seelenmeeß aber finden sich beyde Geschlechter ein.
 
     Gemeine Leichen und Arme begräbt man in der Früh; die der Bürger nach der Vesperzeit, und dann je vornehmer der Rang, je später gemeiniglich die Stunde des Leichenbegängnisses; doch werden Leute vom Rang auch um die Mittagsstund begraben.
 
Achter Abschnitt.
Vom Ueblichen in Nahrung und Kleidung.

Allgemein gesagt, nimmt der Bürger und Handwerker noch kein Frühstück, und setzt sich um eilf Uhr Vormittag zur ersten, und um sechs Uhr Nachmittag zur zwoten Mahlzeit. Rind= oder Kalbfleisch, Bier und Brod sind das gewöhnlichste, was er genießt, und Schweins=, Kalbs= und Gänsebraten sind seine besten Gerichte, und Bier sein bester Trank. Wein, oder Brandwein wird ordentlicherweise nicht getrunken, auch nicht Toback geschmaucht.
 
     Bey einigen Zünften sind gewisse Speisen, an gewissen Tagen, Herkommens; so muß man z.B. den Schustern alle Nachtischzeit Salat aufsetzen.
 
     Der Vornehmere überläßt sich dem Ueblichen der Ueppigkeit, so gut es sein Vermögen leidet, oft mehr vielleicht, als seine Einnahme es zuläßt. Sein Frühstück sind Koffee, Chokolade, oder Thee, und seine Speisen und Getränke auf die Tafel sammelt er aus ganz Europa, und läßt sie, wie viele seiner Medicinen, über entfernte Meere kommen. Nach der Tafel bedient man sich scharfer, gebrannter Wässer, Weine, oder des Koffees, um die Speisen zu verdauen.
 
     (...) Kein Mann läßt den Bart wachsen, und keine Frau (einige vom höhern Stand ausgenommen) pudert das Haar.
 
     (...) Eine Uniform ist gegenwärtig bey keinem Civilstand gesätzmäßig eingeführt.
 
Neunter Abschnitt.
Von dem Ueblichen der Höflichkeit und des Wohlstands.

Diejenigen äusserlichen Begegnungen, womit man einem andern zu verstehen geben will, daß man ihn ehre, heißt man die Höflichkeit. Ihre Art ist fast immer eines der ersten Kennzeichen von dem einfachen, verständigen, auch sittlichen Wesen eines Volks; und wo ein großer Grad von Rohheit, oder Schalkheit herrscht: da ist sie weit von dem, was man Wohlstand nennt, verschieden. Hier ist übrigens nicht die Rede von dem sogenannten Etiquette regierender Herren, welches aus politischen Ursachen festgesetzt worden ist.
 
     Gegen die höchsten Herrschaften beugen alle Unterthanen das Knie; bleiben aber dabey aufrecht stehen.
 
     (...) Das Gewöhnlichste der Höflichkeit im Umgang ist, jemand die rechte Seite zu lassen, in der Kutsche vorwärts zu sitzen, zu niemand Vornehmen, mit dem Stock in der Hand, oder mit Stiefeln angezogen, ins Zimmer zu treten, in seiner Gegenwart mit niemand leise zu reden u.s.w.
 
     (...) Bey öffentlichen Versammlungen, wo jedes Geschlecht abgesondert erscheint, behaupten die Männer immer den Vorrang; aber im Privatumgang läßt der Mann (und dieß bis auf den unerzogendsten) dem Frauenzimmer, das er ehret, oder ehren muß, die rechte Seite.
 
     (...) Gegen Personen, die man ehrt, bedienet man sich des Wörtleins Sie, Ihnen. Der Vornehme spricht zu seinen Untergebenen Er, und Ihr, und zu den niedrigen Du. - Du, sagen auch ide Aeltern zu ihren Kindern; aber wenn diese zu einer höhern Stuffe gelangen, ändern einige Aeltern dieses Wort, und behandeln ihre Kinder wie Fremde.
 
     (...) Was den Wohlstand betrift: so besuchen wohlerzogne Frauenspersonen, ohne Begleitung eines Manns, kein Wirthshaus, und eben dieselben, die Wohlerzognen, meyne ich, erscheinen niemals bey blutigen Auftritten.
 
Zehnter Abschnitt.
Vom Ueblichen des Ausdrucks bey heftigen Gemüthsbewegungen.

Die Zufälle mögen seyn, wie sie wollen, so bleiben die Eingebohrnen immer in den Schranken einer männlichen Mäßigkeit. Der Selbstmord, und der Todschlag aus Zorn, sind daher sehr seltene Erscheinungen, und das Jähe, wobey man ausser aller Fassung kömmt, ist ihnen, überhaupt zu reden, nicht eigen; aber desto anhaltender sind die Empfindungen, wo sie einmal Platz genommen haben. Ein heftiger Schmerz geht nicht selten in eine Schwermuth über, welche alle Lebenssäfte vertrocknet, und die Auszehrung, welche indeß freylich auch andere Ursachen zum Grund hat, ist kein ungewöhnliches Uebel. (...)
 
Zwölfter Abschnitt.
Provincialismen, und Sprüchwörter.

(...) Ein starkes geistreiches Volk spricht gern in Bildern, welches es gemeiniglich grösser wählt, als die Sache selbst ist, welche es durch selbe, als in etwas Aehnlichem, sichtbar machen will. (...)
 
     Unter die Sprichwörter gehört: Versprechen ist adelich, Halten bäurisch. Man trägt den Krug so lang zum Brunnen, bis er bricht. Stille Wasser fressen tiefe Gestade. Wer nichts wagt, der gewinnt nichts. Aus Kindern werden Leute. Jenseits des Bachs giebt es auch Leute. Ein gutes Ding braucht Weil. Es ist keine Kirche so schlecht, es ist das Jahr einmal Kirchweih. Es ist keine Kirche so klein, wo der Teufel nicht eine Kapelle hat. Die Katz läßt das Mausen nicht. Man sucht keinen hinter dem Ofen, man ist dann selbst dahinter gesessen. Ein Wolf frißt den andern nicht. Wie gewonnen so zerronnen. Jedem Lappen gefällt seine Kappen. u.s.w.
 
Dreyzehnter Abschnitt.
Von der Gestalt, dem Wachsthum, und Lebensalter der Einwohner.

Ungeachtet es sehr schwer hält, hierüber etwas ausführliches zu berichten, weil von Zeit zu Zeit Fremde sich niederlassen, und bey den Einheimischen auch auf das Zufällige der Lebensart, welch oft die Festigkeiten unterdrückt, Rücksicht genommen werden muß: so läßt sich doch etwas Allgemeines bestimmen. Die Männer sind groß, meistens sechs Schuh, und haben einer runde, volle Gesichtsbildung, deren Hauptzüge eine biederes Wesen, und eine einladende Redlichkeit sind. Der Ton ihrer Stimme ist ungesucht, so, wie ihre Bewegungen, und ihr Gang ist bescheiden und männlich. Das Frauenzimmer wird unter das schönste in Deutschland gezählt, und es giebt überhaupt in beyden Geschlechtern, und unter den gemeinsten Ständen die geistreichsten Physionomien, von denen sich bey einer zweckmäßigen Bildung überaus viel Gutes versprechen läßt.
 
     Indeß verursacht das Fätschen der Kinder (ein abscheulicher Gebrauch)! die warmen Getränke der Mode, wozu noch das pressende Schnüren bey Frauenspersonen, und dann die Hals= und Kniebänder kommen, manches Hemmen des Wachsthums, und nicht selten solche Verunstaltungen, deren Folgen ausgetrocknete. krüppelichte, und verschraubte Körper sind. Gleichwohl ist die Anzahl derjenigen, welche ein sehr hohes Alter erreichen, nicht geringer, als in andern Orten, und es giebt immer welche, die über hundert Jahre leben. Die Krankheiten, welche am heftigsten schaden, sind die Blattern, (das Einimpfen ist kaum jemals versucht worden) die hitzigen Fieber, und seit einiger Zeit die Auszehrungen, welche vermuthlich auch die Liebseuche, die man vor einigen Jahren kaum dem Namen nach kannte, zur Quelle haben. Lungen= und Wassersuchten sind auch sehr einheimisch, sie wie das Podagra ein nicht ungewöhnlicher Gefährde des Alters ist.
 
Vierzehnter Abschnitt.
Von dem Karakter der Eingebornen.

Der wahre eingeborne Münchner, und Baier ist sehr leicht von einem andern wegzukennen. Er ist männlich höflich, und schämt sich, jemand eine Schmeicheley zu sagen, welche der andere nicht verdient, oder woran sein Herz nicht denkt. Er spricht über seine Angelegenheiten ohne allem Umweg, und setzt durch seine Kühnheit den höfischen Fremden in Erstaunen; denn der Eingeborne heuchelt nicht, und wo ihm etwas mißfällt, und Unrecht däucht, sagt ers geradezu, und beurtheilt öffentlich den Vornehmen, wie den Niedern. Er sagt es laut, und ins Gesicht sagt ers ihm. Diese ihm gleichsam angeborne Gewohnheit, den geraden Weg zu gehen, begleitet ihn allenthalben, und er bleibt nicht selten der Gefahr ausgesetzt, dadurch, daß er jemand, der ihn betrügen will, für ehrlich hält, übervortheilt zu werden. Ein ähnlicher Mangel an Welttugenden ist die hergebrachte Bescheidenheit, seines Verdienstes nicht zu achten. Es haben hier ununterbrochen berühmte Künstler und Gelehrte aller Arten gelebt, und sie bemühten sich nicht im geringsten, wie sie bekannt werden möchten, und sind es bey dem Ausland immer mehr, als zu Hause gewesen. Auch ist bey keinem öffentlichen Schriftenbehältniß ein ordentliches Verzeichniß ihrer Namen, und Arbeiten vorhanden; und der Künstler verbeugt sichs tiefer, als er sollte. So wird ebenfalls in mechanischen Künsten mit der möglichsten Vollkommenheit gearbeitet, und z.B. die hiesigen Kutschen, Lakirarbeiten, auch wohl Stahlarbeiten etc werden so geschmackvoll, und treflich, wie in Paris, und London verfertigt.
 
     Was die Wissenschaften betrifft, so circuliren hier alle Kenntnisse, die der Mensch sich erklärt, oder erfunden hat, - ob nur bey Privatpersonen, ob nur in Büchern, oder auch bey Regierungskollegiis, ist hier der Ort nicht, zu entscheiden, ist auch schon entschieden für den, der aus einer Reihe, und dem gewöhnlichen Geist statistischer Handlungen zu schliessen weis. Die Gelehrsamkeit, und das, was man Aufklärung des Verstandes, Verbesserung des Geschmacks, und Erhebung des Karakters nennt, befindet sich, im Ganzen genommen, bey dem Mittelstand. Von diesem wird geschrieben, von diesem wird auch das meiste gelesen, und gearbeitet, und der Unterricht in Künsten und Wissenschaften den übrigen Ständen ertheilt. Die Kühnheit, derer sich die Schriftsteller bedienen, hat stets die Bewunderung des Auslands verdienet, und wechselweise die inländischen Köpfe ermuntert. Man hat hier lange, wie man sagt, vergessen, was eben gegenwärtig nicht weit von uns als eine große Seltenheit, und als die Erscheinung einer mächtigen Aufklärung bewundert wird.
 
     Die Musik gehört zu den Lieblingsfreuden der Einwohner, und in wohlgeordneten Häusern wird sie ohne Ausnahm als ein wichtiges Stück einer guten Erziehung betrachtet. Ueberhaupt sind sie sehr empfindsam, und weinen herzliche Thränen bey einer tragischen Vorstellung, wozu sie mehr, als zu lachenden Scherzen geneigt sind; daher verfehlt eine geistreiche Anstalt nie ihres Zwecks, und sie hangen mit Wärme und edler Unbeugsamkeit an jeder Einrichtung, oder altem Herkommen, wovon sie überzeugt zu seyn glauben, daß selbe sie alle betrift. Sie sprechen bey gemeinschaftlichen Dingen, als gehörten sie alle zu Einer Familie, und der Name Vaterland ist ihnen heilig, und jeder Flecken, der dazu gehört, ist ihnen wichtig. Sie lieben sehr die öffentlichen Feyerlichkeiten, wo sie Gelegenheit finden, sich versammelt zu sehen, und fröhlichen Herzens zu werden. Bey ihren Lustbarkeiten ist alles Zwang, und alle Verstellung entfernet, und die Lebhaftigkeit, und das gesellige Wesen ziehet jeden in den Kreis ihrer Freuden. Der wahre Eingeborne wird nicht erst hier gegen Fremde offen, und vertraut, er ist dieß zu allen Zeiten, und man darf mit ihm nicht Jahre lang umgehen, um zu wissen, woran man ist. Das Häßliche der Verstellung, und andre sittliche Krankheiten, welche theils der Umgang mit angesteckten Fremden, theils die Lectur mißverstandner oder wirklich schlechter Schriften verbreitet, sind indeß nicht unbekannt; und machen den Reingebliebnen schon kennbarer. - Doch ich habe davon bereits weitläuftig und umständlich genug in einer Abhandlung über die Bayern (bair. Beytr. Jahrg. 2, M. Aug.) gehandelt, und ersuche daher den Leser, sich daran zu erinnern. Das Blut der Altbayern wird nie versiegen; es ist hier gut seyn, und wer nur eine kleine Zeit zugegen ist, will hier seine Wohnung sich bauen.
 
(...)
 

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